Wann ist man behindert?

Alex hat keine Freundin, keine netten Eltern und keinen Bausparvertrag. Dafür hat er den Finnischen Tango. Sein Akkordeon ist ihm wichtiger als seine Kumpels, mit denen er erfolglos durch Deutschland tourt – bis sich einer der beiden das Leben nimmt und der andere Band und Freundschaft aufkündigt. Alex steht plötzlich allein da. Auf der Flucht vor Schulden und Einsamkeit erfährt er von einer Behindertentheatergruppe, die noch einen Mitspieler sucht. Kurzerhand erfindet sich Alex eine Behinderung, ein Rollstuhlfahrer wird um den Behinderten-Ausweis erleichtert und Alex kann in das Wohnprojekt der Theaterleute einziehen. Doch von den Freundschaftsangeboten und der Liebenswürdigkeit der Behinderten herausgefordert, muss Alex sein Verhältnis zu Gemeinschaft und Verantwortung neu definieren…

In direkten, einfühlsamen und sehr humorvollen Dialogen und Bildern zeigt die Regisseurin dass vier von der Gesellschaft abgeschobene (Aussage von Rudolph der an Multipler Sklerose leidet und versucht sich mehrmals erfolglos das Leben zu nehmen) dennoch ein Weg finden gemeinsam die Baustellen des Lebens zu umgehen und das Leben zu genießen. Das besondere an diesem Film ist der perfekte filmische Gang zwischen Drama, Komödie, Liebesfilm und Satire. Dabei wird auch vor Tabuthemen wie Sexualität und Suizid nicht halt gemacht. Die Regisseurin integriert diese Themen mit humorvoller Ernsthaftigkeit und sympathischen Sarkasmus genauso leicht und „normal“ wie auch die Figuren die Mischung von Schlagfertigkeit und Witz gegenüber Melancholie und Ernsthaftigkeit perfekt ausbalancieren. Einziger Wehmutstropfen: so eine nette Rund Um Die Uhr -Betreuung wünscht sich jede Behinderten-WG. Diese kleine Unachtsamkeit kann man aber leicht verzeihen, wenn man sich von den vier wunderbaren Hauptcharakteren in ihre kleine Wohngemeinschaft entführen lässt. Buket Alakus und ihr Schauspielensemble schaffen es mit diesem Film an Streifen wie „Straße der Freude“, „Die Kunst des negativen Denkens“ oder „Verrückt nach Paris“ anzuknüpfen. Vielleicht haben ja endlich das Opferkleid und die Wolldecke im Behindertenfilm ausgedient? „Finnischer Tango“ ist auf jeden Fall ein weiterer turbulenter Feind der Wolldecke und des Opferkleides. Hoffen wir, dass es so weiter geht und wir beides bald ganz weit unten in der Altkleidersammlung finden können. Sehr Sehenswert! für Alle die behindert sind, für Alle die behindert werden und für Alle anderen auch!

Spielfilm, D 2008, 90 min
Regie: Buket Alakus
Darsteller: Christoph Bach, Mira Bartuschek, Fabian Busch, Nele Winkler,
Michael Schuhmacher

www.finnischertango.de


Kommentarfunktion für diesen Artikel geschlossen